Tsunami Augenzeugenbericht, Urlaub zu Ende

"Hat sich was mit Traumurlaub", ein packender Augenzeugenbericht der Tsunami Flutwelle auf den Malediven. Geschrieben von Jürgen Heyne aus Leipzig für Kandooma.info. Herr Heyne befand sich zum Zeitpunkt der Überflutung am 26.12.2004 auf der Insel Kandooma.

Das Beben

"Früh gegen 6:00 Uhr werde ich durch einen Höllenlärm, den die Vögel verursachten, wach. Plötzlich eine Totenstille, als ob jemand den Stecker aus der Steckdose gezogen hatte. Dann fing alles an ganz leicht zu vibrieren, etwas 10 bis 15 Sekunden lang. Ich dachte gleich an ein Seebeben, maß den Dingen aber keine besondere Bedeutung zu, da es wirklich nur minimal war und sowas immer mal vorkommt.

Frühstück vor'm Tsunami

Ich konnte sowieso nicht mehr schlafen, weil es so warm war. Also ging ich an den Strand, um eine kleine Runde zu schwimmen, anschließend wieder zurück zu meinem Bungalow. Ich duschte und war um 7:30 Uhr einer der Ersten beim Frühstück. Ich hatte mich mit einem französischen Paar angefreundet, die mit an meinem Tisch saßen. Sie schliefen länger und kamen erst gegen 8:30 Uhr, zu der Zeit war ich schon lange fertig mit dem Essen. Ich fragte, ob wir um 10:00 Uhr gemeinsam Schnorcheln fahren wollen. Sie waren einverstanden.

Seltsame Beobachtung am Strand

Ich habe dann mein Zeug zusammengepackt und bin zu unseren Liegen an den Strand. Im Unterbewußtsein, und warum, das weiß ich heute noch nicht, habe ich fast alle meine Sachen in meine Reisetasche gepackt und auf den Kleiderschrank gestellt. Die Videokamera stand sowieso immer da oben.

Etwas schräg von mir am Strand lag ein 4 Meter Katamaren. Es dauerte nicht lange und ich sah, wie er anfing leicht zu wackeln. Nanu, sagte ich zu mir, ich bin doch gerade an ihm vorbeigelaufen und da lag der Katamaran noch etwas 3 Meter auf dem Trockenen. Ich setzte mich auf und urplötzlich bewegte sich das Ding immer weiter weg vom Strand.

Die Tsunami Flutwelle trifft Kandooma

Ich wollte grad zur Strandbar laufen und sagen, dass sich der Katamaran selbständig gemacht hat, als mich das Wasser von den Füßen riss und etwa 50 Meter über den Strand in Richtung Inselinneres spülte. Durch das Gebüsch, bis ich einen Ast zu fassen bekam, an dem ich mich festhalten konnte.

So schnell wie das Wasser da war, lief es auch wieder zurück. Ich stand auf. Gott sei Dank bis auf ein paar Hautabschürfungen alles heil. Ich wollte grad zum Bungalow als die Leute schrien, es käme noch eine Welle. Ich drehte mich um und - oh nein - was ich sah war heftig, die Welle war bestimmt 2 Meter hoch. Ich bin sofort auf eine Palma hoch und schon brach die Woge über die Insel herein. Auch diesmal dauerte es nicht lange, bis das Wasser erneut zum Stillstand kam. Überall schrien Leute, die sich aber beruhigten, als sie merkten, dass das Wasser stand.

Bilanz einer Flutwelle

Ich ging zu meinem Bungalow. Wie durch ein Wunder war nichts weiter beschädigt worden. Die Betten standen etwas krumm, aber meine Sachen waren alle okay. Im Nachbarzimmer sah es schon schlimmer aus. Da war der Schrank umgekippt und die Liegen standen hochkant an der Wand. Ich nahm meine Kamera und hielt alles fest. Ohne Leute zu filmen, nur um einen allgemeinen Einduck zu bekommen.

Wir mussten uns alle am Pool versammeln. Judith, die Urlaubsbetreuerin von Neckermann glich anhand des Check-in Buches ab, ob jemand fehlte, aber es waren Gott sei Dank alle da. Die Tauchlehrer kümmerten sich um die Verletzen, ein Dankeschön dafür.

Als sich die Lage beruhigte, versuchten wir Infomationen zu bekommen. Ich weiß nicht mehr genau wann es war, als die Meldung über das Seebeben im indonesischen Raum eintraf. Judith telefonierte pausenlos. Dann hiess es, die Insel werde evakuiert, da eventuell noch eine zweite Welle im Anmarsch war. Wir durften von Kandooma nichts mitnehmen, außer unserem Handgepäck.

Evakuierung nach Vilivaru

Also ab auf die Schiffe. Das Management versorgte uns mit Wasserflaschen, Bananen, Melonen und Fruchtsäften. Die Urlauber wurden auf zwei Inseln verteilt. Ich war auf Vilivaru. Als wir dort ankamen, sah es so aus, als ob wir nicht sehr willkommen gewesen seien. Es gab zwar etwas zu essen, aber der Shop war zu. Viele Leute hatten nichts zum Anziehen, außer ihren Badesachen.

Als der Shop dann endlich aufmachte wurden die Waren gleich noch überteuert verkauft. Ich habe meiner Bekannten ein T-Shirt gekauft, weil sie nur einen Bikini trug. Zum Glück war meine Geldbörse in meiner Kameratasche. 25 Dollar für ein T-Shirt, dafür hätte ich auf Kandooma zwei bekommen. Die nächste Info war, dass wir hier übernachten, alles Weitere stand noch in den Sternen.

Geschlafen hat so gut wie keiner, schon aus Angst vor einer weiteren Welle. Die meisten saßen im Restaurant und dösten vor sich hin. Wer Geld hatte, der konnte sich wenigstens etwas kaufen, aber das Bier hatte auf Vilivaru auch einen satten Aufschlag. Dann ging alles ganz schnell. Die Neckermann-Urlauber erhielten um 5:00 Uhr Frühstück und danach ging es zurück nach Kandooma.

Heimreise

Bei der Ankunft auf Kandooma war gesagt worden, dass wir maximal 20 Minuten für das Zusammensuchen von eventuell brauchbaren Sachen hätten, bevor es nach Male ginge. Zumindest die oberen Regionen der Safes waren unbeschädigt, aber viele hatten nur noch Matsch drin. Meine Sachen waren ja alle noch in einem guten Zustand, nur die vom Strand waren alle weg. Ich keine Zeit mehr danach zu suchen.

In Male gab es dann die erste größere Info durch das TV, allerdings in arabisch. Die schrecklichen Bilder reichten jedoch auch so. Da wurde mir erst bewußt, dass wir noch glimpflich davon gekommen waren.

Nach der Information von Neckermann war schon eine Maschine unterwegs um uns auszufliegen. Gegen 19:45 Uhr ging es dann nach Hause. Es waren nicht alle Passagiere von Neckermann, wir hatten auch viele Engländer, Franzosen und Urlauber aus dem osteuropäischen Raum an Bord.

28.12.2004

In Frankfurt sind wir um 1:00 Uhr gelandet. Alles war hervorragend organisiert. Es gab Essen, warme Kleidung, psychologische Betreuung und ... und ...

Nach der Aufnahme der Daten wie, wer, woher, wohin wurden wir in einem Hotel untergebracht. Ich bin dann um 9:05 Uhr nach Leipzig weiter geflogen und war daheim.

Mein besonderer Dank geht an

- Neckermann
- Judith, die Neckermann Betreuerin auf Kandooma
- Imke, die Neckermann-Betreuerin auf dem Flughafen Male
- Aquanaut Tauchbasis auf Kandooma
- Flughafen Frankfurt
- Steigenberger Hotel
- Deutsche Lufthansa
- Thomas Cook"

Das am Tag der Flut gemachte Video von Herrn Heyne liegt uns ebenfalls vor.

Wenn sie ebenfalls Augenzeuge der Tsunami Flutwelle auf den Malediven waren und uns ihren Augenzeugenbericht zukommen lassen möchten, können sie uns unter unserer Email-Adresse kandooma@gmail.com oder über das Kontaktformular erreichen.

Hinweis: Die dargestellten Sachverhalte stellen die persönlichen und somit subjektiven Erlebnisse des Augenzeugen dar. Kandooma.info kann keine Gewähr für die Richtigkeit der gemachten Angaben übernehmen.

Übersicht der Tsunami Augenzeugenberichte

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